23.10.2012 | Interview: Remo Meister
Murat Yakin: „Ich denke, dass man auch beim FCB noch etwas bewegen kann“

Seit einer Woche ist Murat Yakin Cheftrainer des FC Basel 1893. Der 38-jährige Münchensteiner hat seine Arbeit beim FCB am letzten Dienstag, 16. Oktober 2012 aufgenommen und nachher eine intensive Woche erlebt, die mit einer 0:1-Niederlage im Auswärtsspiel gegen den FC Luzern geendet hat. Diesen Mittwoch nun fliegt Yakin mit seiner Mannschaft nach Ungarn ans 3.-Runden-Spiel der UEFA Europa Legaue gegen den Videoton FC (Donnerstag, 25. Oktober 2012, 19.00 Uhr). Vorher schilderte der neue Basler Trainer im fcb.ch-Interview, wie er seine erste Woche erlebt hat, wie es war zurückzukehren und und was es beim Schweizer Meister noch zu tun gibt.

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Murat Yakin, wie blickst Du auf Deine ereignisreiche erste Woche als neuer Cheftrainer des FC Basel 1893 zurück?
Murat Yakin: Es ist alles sehr schnell gegangen. Am einen Tag kam der Kontakt zustande, am nächsten gab es ein Treffen und am übernächsten Tag wurde alles bekanntgegeben. Ich musste und konnte also nicht lange überlegen, bis ich zusagte. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, dass ich von der FCB-Clubführung angefragt wurde – das machte mich durchaus auch stolz. Was danach während der Woche alles ablief, hatte ziemlich wenig mit Fussball zu tun, das hatte sich auch auf unsere Arbeit ausgewirkt. Denn ein solcher Rummel geht natürlich auch an den Spielern nicht spurlos vorbei. Das gilt generell bei einem Trainerwechsel, gibt es da doch immer die eine oder andere Anpassung. Es war aber auch spannend zu beobachten, wie wir die physische und psychische Dosis im Gleichgewicht halten können. Ich bin froh, dass wir das erste Spiel hinter uns haben, auch wenn das Resultat leider nicht positiv war. Aber es war eine sehr intensive Woche und ich hoffe, dass wir uns jetzt voll und ganz auf unsere Arbeit konzentrieren können.

Welchen Eindruck hast Du ganz allgemein von der Mannschaft gewonnen?
Ich spüre, dass die Spieler aufmerksam und lernwillig sind. Die Partie in Luzern fand ich nicht ganz so schlecht wie es zum Teil gemacht wurde. Doch natürlich hat man gesehen, dass gewisse Automatismen nicht vorhanden waren, auch aufgrund der System-Veränderung. In unserem Spiel gegen vorne hat die Präzision gefehlt. Aber diesen Luzern-Match müssen wir relativ schnell abhaken, jetzt steht die Europa League bevor. Wir brauchen frische Gedanken und frische Spieler. Wir müssen flexibel sein in unserem Spiel, damit wir mit unserem grossen Kader während den englischen Wochen auch ein bisschen rotieren können. Wir nehmen die Europa League sehr ernst und wollen dort auch Moral tanken für die Meisterschaft, wo der Abstand zur Spitze nicht grösser werden soll.

Welche sind die Hauptpunkte, wo der Hebel angesetzt werden muss?
Wir haben in Luzern in den Zweikämpfen oft unglücklich agiert und dem Gegner sehr viele Standardsituationen zugestanden. Das hat mit dem System nicht viel zu tun, da müssen wir im Zweikampfverhalten cleverer werden. Da der ganze FCB unter der Woche dermassen im Fokus stand, wollten es die Spieler vielleicht etwas zu gut machen und waren dadurch verkrampft. Allerdings haben wir in der ersten Halbzeit kaum gegnerische Chancen zugelassen – leider hatten wir selbst aber auch keine ganz grossen Torgelegenheiten. Wir waren in der Umschaltphase zu wenig präzise, wenn wir einmal schnell spielen wollten. Da gab es zu viele Fehlpässe und Stockfehler.



Was bedeutet das in Bezug auf den momentanen Trainingsinhalt? Gibt es derzeit sehr viele Taktik-Übungen?
Es ist ja nicht so, dass die Mannschaft das Fussballspielen verlernt hat. Aber auch ich muss betonen, dass sich das Team im Vergleich zur vergangenen Saison doch stark verändert hat, es gab ein paar gewichtige Abgänge. Deshalb glaube ich einfach, dass es eine gewisse Zeit braucht – gerade bis die Spieler aus anderen Fussballkulturen hier eingewöhnt sind. Allerdings ist natürlich auch mir klar, dass man diese Zeit beim FCB eigentlich nicht hat. Es geht deshalb jetzt darum, dass wir schnellstmöglich wieder ein Erfolgserlebnis haben. Und die Spieler sind professionell genug, ihr Bestes dafür zu geben. Was die Taktik-Übungen und das Einspielen der Automatismen anbelangt ist es so, dass wir den grössten Teil in der Rückrunden-Vorbereitung machen werden. Bis jetzt ging es mir hauptsächlich darum, die Defensive etwas zu stabilisieren – ohne die Offensive zu vernachlässigen. In Luzern haben wir das mit einer Dreier-Abwehr und einer Dreier-Offensive versucht – mit Fabian Frei als zentralem Spieler hinter den Spitzen. Leider hat aber die Umschaltphase nicht richtig geklappt, das Überraschungsmoment und das gefährliche Spiel in die Tiefe haben gefehlt. Daran arbeiten wir jetzt.

Nun kommt mit den Spielen gegen Videoton, den FC Zürich und den BSC Young Boys gleich eine sehr wichtige Phase. Wie geht der FCB in diese Wochen?
Am Schluss ist das Resultat immer das wichtigste, das ist klar. Aber es geht mir auch darum, den Spielern das Vertrauen zu geben, das sie brauchen, um Höchstleistungen zu bringen. Es ist mir wichtig zu sehen, dass meine Spieler Fortschritte machen, sich weiterentwickeln, sich individuell hervorheben und auch mannschaftsdienlich spielen. Und es geht mir darum, dass wir als Mannschaft eine Taktik, ein Konzept erkennen lassen. Während den englischen Wochen ist es schwierig, intensiv daran zu arbeiten, weil man da sehr stark dosieren muss, um am Spieltag körperlich voll bereit zu sein. Ich führe aber viele Einzelgespräche, will die Spieler kennenlernen und sehen, wie die Kommunikation – auch zwischen den verschiedenen Kulturen – funktioniert. Letztlich bin auch ich, wie die meisten Trainer, auf der Suche nach dem perfekten Spiel. Deshalb: Partien zu gewinnen ist sehr wichtig, aber ich möchte, dass man so bald wie möglich ein System dahinter sieht.

Mit welchen Gefühlen bist Du, knapp sechseinhalb Jahre nach Deinem Rücktritt als Spieler, wieder zurück in die FCB-Garderobe im St. Jakob-Park gekommen?
Ein Stück weit habe ich mich natürlich danach gesehnt, weil ich hier einfach ein gutes Gefühl habe, alles ist vertraut und heimisch. Ich habe in Basel viele schöne und erfolgreiche Jahre als Spieler erlebt und durfte die Mannschaft lange als Captain durch die Senftube auf den Joggeli-Rasen führen. Als es dann im Jahr 2006 endgültig fertig war und ich zurücktrat, war das ein sehr emotionaler Moment. Schon damals wusste ich, dass ich gerne einmal zurückkehren würde. Seither war ich als gegnerischer Trainer ein paar Mal im St. Jakob-Park, was mal besser und mal weniger gut lief. Ich durfte meinen Weg als Trainer machen und mich auch verwirklichen, was toll ist. Es war wertvoll für mich, ein paar Jahre weg von Basel zu sein und andere, neue Dinge kennenzulernen. In Thun konnten ich gemeinsam mit der Clubführung, mit Sportchef Andres Gerber wirklich etwas Tolles aufbauen. Und der FC Luzern war nachher ein guter Schritt zu einem grösseren Club mit höheren Erwartungen. Dass ich nun über Umwege nach sechseinhalb Jahren wieder hier bin, freut mich sehr.



Wann war Dir eigentlich damals klar geworden, dass Du ins Trainergeschäft einsteigen möchtest?
In meiner letzten Saison als Spieler, 2005/2006, als ich praktisch die ganze Zeit verletzt war. Ich bekam dadurch in dieser Zeit eine gewisse Distanz zur Mannschaft und spürte irgendwann, dass es nicht mehr weitergehen würde. Ich wusste ja, wie ich als Spieler funktioniert hatte – Verantwortungsgefühl und eine Art Führungsfunktion hatte ich schon damals. Als ich dann viele Spiele von der Tribüne aus sah, entstand für mich eine neue Betrachtungsweise vom Fussball, was mich sehr fasziniert hat. Da kam der Wille auf, mein eigenes Spiel auf dem Platz zu kreieren. Das hat mich dazu bewogen, diesen Weg einzuschlagen. Sehr schnell nach der Bekanntgabe meines Rücktritts kam dann die Anfrage vom FC Concordia, wo ich darauf als Assistenztrainer meine ersten Schritte machte.

Und wie stark hast Du den FCB in der Vergangenheit verfolgt?
Immer mit grossem Interesse, und zwar nicht nur als Teil der Vorbereitung als gegnerischer Trainer. Ich fand es generell sehr spannend zu beobachten, was hier entstanden ist und wie es weitergeführt wurde – gerade auch die internationalen Einsätze und Erfolge habe ich genau verfolgt. Und wenn ich jetzt mit den Menschen spreche, die beim FCB in irgendeiner Funktion schon länger dabei sind, dann merkt man, wie verwurzelt hier alle sind. Alles ist sehr vertraut und es gibt überall gut funktionierende Abläufe. Trotzdem versuche ich nun zu schauen, wo es noch Luft nach oben gibt, denn das ist auch meine Aufgabe. Ich denke, dass man auch beim noch etwas bewegen kann, wenn man hart arbeitet. Ich bin bereit dazu, diese grosse Verantwortung und Herausforderung anzunehmen.