06.07.2000 | BaZ
Ein «Coup» auf den leeren Stuhl
Heute dürfte der FC Basel den Zuzug des australisch-jugoslawischen Aufbauers Ivan Ergic bekannt geben. Ergic kommt leihweise von Juventus Turin. Dagegen verlässt Raphaël Kehrli den FCB in Richtung Luzern.
Basel. Noch nie, so beteuert Vereinspräsident René C. Jäggi, habe der FC Basel einen Spieler derart lange beobachtet wie im Fall von Ivan Ergic. Und was die Verantwortlichen des FCB vom erst 19-jährigen Mittelfeldspieler sahen, überzeugte sie genauso wie die Scouts von Juventus Turin, Hertha Berlin und Borussia Dortmund. Der begehrte australisch-jugoslawische Doppelbürger wird aber aller Voraussicht nach die kommenden beiden Saisons weder in der italienischen Serie A noch in der Bundesliga spielen, sondern in der Nationalliga A mit dem FCB antreten.
«Ich habe ein gutes Gefühl», äusserte Jäggi gestern, und im Normalfall bedeuten solche Worte des Vorsitzenden, dass ein Neuzugang beim FCB so gut wie feststeht. Ergic hat schon vor einigen Tagen bei Juventus einen Vertrag unterschrieben; der italienische Rekordmeister gedenkt nun, den jungen Akteur beim FCB zu «parkieren», um ihm zur nötigen Spielpraxis zu verhelfen. Ergic selbst möchte nach Basel kommen, dies zumindest sagt Jäggi. Scheitern könnte der Transfer wohl nur noch aufgrund des wirtschaftlichen Faktors (Leihsumme) oder wegen der Komplexität der Angelegenheit.
«Mindestens zwei Jahre»
Ein definitiver Entscheid fällt bis heute am frühen Nachmittag, denn dann verreist Jäggi ins Ausland. Ergic wird dem FCB gemäss Jäggi mindestens für zwei Jahre zur Verfügung stehen, dies vereinbarten die Verantwortlichen des italienischen Renommiervereins mit den Vertretern vom Rheinknie.
Ergic gilt als eines der grössten Talente des Weltfussballs, und auch wenn Jäggi bemüht ist, dem jungen Fussballer nicht zuviel Druck aufzuerlegen, ist doch ein berechtigter Stolz in seiner Stimme auszumachen. «Es wäre für uns ein Coup.» In der Tat. Denn wer es schafft, einen Spieler mit solcherlei Vorschusslorbeeren nach Basel zu holen, der hat seine Hausaufgaben gemacht. Und allzu oft gelingt es dem FCB wahrscheinlich auch künftig nicht, gleich zwei Bundesligisten im Poker um einen Spieler auszustechen.
Mit dazu beigetragen haben dürfte das Verhandlungsgeschick Jäggis und Erich Vogels, dem Sportdirektor des FCB. Ersterer nahm Ergic vorgestern auch an die offizielle Mannschaftspräsentation mit, um Ergic von der Begeis-terung des Basler Publikums für «sein Team» zu überzeugen.
Ergic wurde in der letzten Saison beim australischen Vizemeister Perth Glory in 32 von 34 Partien eingesetzt und erzielte dabei zehn Tore. 23-mal absolvierte der Offensivspieler die gesamten neunzig Minuten, neunmal wurde er ein- oder ausgewechselt.
Möglicherweise wird es, falls das «Experiment» mit Ergic zur Zufriedenheit von Juventus Turin ausfällt, in mittlerer Zukunft zu einer engeren Zusamenarbeit zwischen dem aktuellen Vizemeister Italiens und dem FCB kommen. Vorderhand, sprich für die kommende Saison, sind die Transferaktivitäten jedoch beendet. Vor Ergic hat am Mittwoch Carlos Varela einen Vertrag über vier Jahre unterschrieben.
Kehrli zum FC Luzern
Seinen Namen wird demnächst auch Raphaël Kehrli unter ein Schriftstück setzen. Der Berner wechselt höchstwahrscheinlich zum FC Luzern. Damit wird der Offensivspieler den FCB nach nur einer Saison verlassen. In seiner Zeit beim FCB steigerte sich Kehrli zwar kontinuierlich, einen Stammplatz konnte er sich aber nicht erkämpfen. Nicht zuletzt der Zuzug Varelas war dann auch ein untrügliches Zeichen, dass FCB-Trainer Christian Gross nicht (mehr) auf Kehrlis Fähigkeiten vertraute.
«Ich denke, die Ambitionen und die Mentalität beim FC Luzern passen besser zu mir als jene beim FCB», begründet Kehrli seinen Entscheid. In der Tat hatte Gross mehrfach die Einstellung des ehemaligen Juniors der Young Boys bemängelt.
Der FCB leiht Kehrli vorerst für ein Jahr an die Zentralschweizer aus, danach haben die Luzerner eine Option, den 22-Jährigen definitiv zu übernehmen. Kehrlis Vertrag mit dem FCB hat noch bis 2002 Gültigkeit. Bei seinem Wechsel nimmt Kehrli finanzielle Einbussen in Kauf. Er wolle unbedingt spielen, habe auch mit Luzerns Trainer Andy Egli ein gutes Einvernehmen, äussert der Spieler. Zudem habe er nach einer Spielzeit, in der er nicht immer zum Einsatz gekommen war, nicht gerade eine riesige Auswahl an Angeboten gehabt. «Ich musste nehmen, was kommt.»
Georg Heitz