

An der Veranstaltung „Nationales Symposium des FC Basel 1893 zu Fanfragen und Fanarbeit 2012“ lud der FCB am Donnerstag, 26. Januar 2012, diverse Referentinnen und Referenten in den St. Jakob-Park ein. Während eines ganzen Nachmittages sprachen etwa Bernhard Heusler, Präsident des FC Basel 1893, der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause oder Peer Teuwsen, Schweizer Redaktionsleiter der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln über den Umgang mit dem Thema „Fussballfans“.
Das Symposium und dessen hochstehende Referate fanden sehr grosse Beachtung. Rund 150 Gäste hatten sich angemeldet und wohnten dem Anlass im St. Jakob-Park bei. Nebst vielen Medienschaffenden gehörten etwa der Baselbieter Regierungsrat Isaac Reber, der Basler Nationalrat Markus Lehmann, SFV-Präsident Peter Gilliéron, SFL-CEO Claudius Schäfer und Vize-Generalsekretär Robert Breiter zum Publikum des spannenden Symposiums. Anwesend waren auch mehrere Basler Grossrätinnen und Grossräte, einige Kommandanten und Führungskräfte verschiedener kantonaler Polizei-Korps, darunter auch der baselstädtische Polizei-Kommandant Gerhard Lips, Clubvertreter aus Fussball und Eishockey, Fanarbeit-Vertreter, Sicherheitsexperten von Clubs und Liga, Mitglieder des Schweizerischen Olympischen Komitees und viele mehr.
fcb.ch liefert anbei – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – einen Querschnitt durch die wichtigsten Aussagen der insgesamt sieben Referentinnen und Referenten.
Reto Nause, Sicherheitsdirektor der Stadt Bern:
Reto Nause schilderte zunächst kurz die Ausgangslage, in der sich die Stadt Bern in der Fan-Thematik befindet. Mit den beiden grossen Clubs BSC Young Boys und SC Bern sowie mit kantonal insgesamt sieben Vereinen in der höchsten Fussball- und Eishockeyliga trifft die Polizei der Schweizer Hauptstadt eine „recht schwierige Ausgangslage an“, so Nause. Insgesamt könne man in diesem Bereich nicht eine generelle Zunahme von Gewalt feststellen – „aber es gibt neue Entwicklungen und eine neue Qualität der Gewalt, die uns zu schaffen macht“. Das Ziel der Stadt Bern sei es, die Einsatzstunden der Polizei bei Sportanlässen weiter zu reduzieren zu Gunsten der Präsenz in der Innenstadt. Für ihn sei klar: „Der Staat muss die Spielregeln festlegen, denn er ist für die Sicherheit verantwortlich.“ Dabei komme es besonders auf die gute Vernetzung aller Beteiligten an. Eine weitere Hauptaussage Nauses: „Was wir in Zukunft nicht mehr wollen, sind Fanmärsche durch Bern – sie stellen ein zu hohes Sicherheitsrisiko für die Stadt und die davon betroffenen Drittpersonen dar.“
Reto Nause eröffnete mit seinem Referat das Symposium am Donnerstagnachmittag.
Dr. Bernhard Heusler, Präsident FC Basel 1893:
Bernhard Heusler erklärte anhand seiner Präsentation dem Publikum das „Basler Modell“. Als Ausgangspunkt des bis heute verfolgten Konzepts nannte Heusler die schweren Ausschreitungen im und um den St. Jakob-Park anlässlich des finalen Saisonspiels gegen den FC Zürich am 13. Mai 2006. Der FCB habe sich damals die Selbstdiagnose des „Dialogdefizits“ gestellt. „Wichtig war deshalb, dass wir den intensiven Dialog mit den Fans suchten – und dabei geht es um Rede und Gegenrede, sonst ist es ein Monolog“, so Heusler. Das Fundament des Dialogs müsse die Realität, Offenheit und Respekt sein. Das „Basler“ Dialog-Modell umfasst einen runden Tisch (FCB, Basel United, Polizei BS/BL, Regierung BS/BL), operative Plattformsitzungen (FCB, Basel United, Polizei BS, Fanarbeit, Fans), Kooperation mit Fanexperten (FCB und Fanarbeit Basel) sowie den Dialog an der Basis (Fanclubs und –lokale, Einzelgespräche). „Bei allen Handlungen und Massnahmen muss der Rechtstaat den Rahmen bieten, eine pauschale Kriminalisierung von Fans fördert und stärkt radikale und kriminelle Randgruppen“, sagte der FCB-Präsident. Es gehe zwar bei der Fanarbeit um „Einbindung statt Ausgrenzung, aber wohl verstanden: Die Fans sind nicht Teil des Clubs und der Dialog steht auch nicht im Widerspruch zur Repression, die es ebenfalls braucht.“ Am Ende gehe es darum, das Spiel und die Freude am Spiel zu schützen: „Wir dürfen nicht alle Fussballfans in Sippenhaft nehmen anstatt die Störer zu strafen, das ist rechtsstaatwidrig und kontraproduktiv.“
FCB-Präsident Bernhard Heusler erklärte das Basler Modell.
Dr. Markus Mohler, ehemaliger Lehrbeauftragter für Polizeirecht:
Markus Mohler, langjähriger Staatsanwalt und dann Polizei-Kommandant des Kantons Basel-Stadt, machte insbesondere darauf aufmerksam, dass alle Massnahmen des Staates gegen Ausschreitungen „rechtens“ sein müssten. „Staatliches Handeln muss sodann gemäss Art. 5 der Bundesverfassung unter anderem immer im öffentlichen Interesse liegen und verhältnismässig sein“, so Mohler. Unter diesen Gesichtspunkten gingen etwa die Änderungsvorschläge des Konkordats über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich Sportveranstaltungen bisweilen zu weit. Mohler sieht etwa Probleme bei der Bewilligungspflicht aller Spiele und bei den Durchsuchungen von Personen.
Thomas Gander, Co-Leiter Fanarbeit Basel und Geschäftsleiter Fanarbeit Schweiz:
Thomas Gander erläuterte zusammengefasst einige Ergebnisse einer Umfrage bei mehr als 4000 Matchbesuchern des FC Basel 1893 (siehe Link unten). Auch er äusserte zunächst die Überzeugung, dass man sich „mit der Subkultur der Fussballfans auseinandersetzen muss, wenn man etwas ändern oder hilfreiche Massnahmen ergreifen will“. Dass dies bis heute oftmals nicht gesehen und gemacht werde, sei eines der Hauptprobleme. Überdies fordert Gander eine „Versachlichung“ der Diskussion wenn es um Themen wie Fan-Gewalt oder Pyrotechnik gehe. „Es gibt diesbezüglich auch Wahrnehmungsdifferenzen“, stellte Gander anhand der Umfrageergebnisse fest. „Die einen finden die Gewalt nehme zu, die anderen sehen eher eine Zunahme der Berichterstattung darüber.“ Und es gebe einen Kreislauf, der immer wieder angeschoben werde, wenn etwas passiere: Gravierendes Ereignis – Mediale Inszenierung (Macht der Bilder) – Tendenz abstrakte Gefahr, Wahrnehmensverzerrung – Politische Vereinnahmung – Reale Massnahmenvorschläge/Pauschalisierung. „Um konstruktive Lösungen zu suchen, müsste unter anderem versucht werden, diesen Kreislauf zu unterbrechen“, findet Gander.
-> Zu den Umfrage-Ergebnissen: Hier klicken
Thomas Gander fordert mehr Sachlichkeit in der Diskussion der Fanthematik.
Nico Rubeli, Theologe:
Nico Rubeli leitete im Auftrag des FC Basel 1893 einen zweijährigen Gruppenarbeits-Prozess zum Thema „Antisemitismus/Gewalt“. Er erklärte am Symposium kurz diesen Prozess, aus dem eine FCB-Charta entstand. Stichworte der inhaltlichen Empfehlungen dieser Fachgruppe an den FCB waren etwa: „Positive Werte“ (FCB ist treu, feiert begeistert mit seinem Publikum, ist humorvoll und witzig) oder „Klares Nein“ (FCB ist gegen Rassismus und Hass, FCB ist gegen Gewalt).
Nach der kurzen Einführung durch Nico Rubeli ergriff FCB-Präsident Bernhard Heusler noch einmal das Wort und nahm das Thema auf. Der oben genannte Prozess habe unter anderem dazu geführt, dass man sich in diesem Zusammenhang gefragt habe: Was ist eigentlich der FC Basel 1893? Die Zusammenfassung der Antwort ist ein Teil der FCB-Charta und lautet so: „Der FC Basel ist ein moderner Fussballclub. Er betreibt Fussballsport auf professionellem Niveau und fördert junge Talente. Die Exponenten des Clubs, seine MitarbeiterInnen und jeder Spieler in Rot-Blau arbeiten für den sportlichen Erfolg, achten dabei auf die Tradition und das Image des Clubs. Der FC Basel 1893 ist in seinem Selbstverständnis nicht auf Erfolge und Titel reduziert. Er will im Rahmen des sportlichen Wettbewerbs menschliche Werte vertreten und hochhalten, deren Beachtung er auch von seiner Anhängerschaft erwartet.“
Daniela Wurbs, Geschäftsführerin ‚“Football Supporters Europa“:
Die Hamburgerin Daniela Wurbs sprach am Basler Symposium über die Selbstregulierung in Fankurven. Was ist das? „Es geht dabei nicht um eine Fanpolizei, sondern um Verantwortungsübernahme der Fans füreinander in der Fanszene, um die Schaffung einer Kultur der Einmischung auf Basis eines Grundkonsenses unter Fans“, so Wurbs. Voraussetzung dafür sei unter anderem die Institutionalisierung eines Dialogs mit den Fans auf Augenhöhe durch Fanbeauftragte, Fanbeiräte, Fan-Chartas oder Fanbotschaften. „Die Sichtweise der Fans muss ein wichtiger Teil der Lösung sein, nicht nur ein Problem“, erklärte die Hamburgerin, die selbst St. Pauli-Anhängerin ist. Zudem brauche es auch die Bereitschaft der Fanszenen zur Selbstreflexion und vor allem auch eines: Ganz viel Geduld.
Peer Teuwsen, Redaktionsleiter:
Der Journalist Peer Teuwsen war an diesem informativen Nachmittag der letzte Referent. Der Redaktionsleiter des Schweizer Büros der deutschen Wochenzeitung „Die Welt“ äusserte sich zu der Rolle der Medien in der ganzen Fanthematik. „Fussball ist ein Massenmarkt, und der wird von den Medien natürlich bespielt“, sagte er etwa. „Wie alles wird auch der Fussball von den Medien bisweilen dramatisiert – teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht.“ Die Aufgabe der Journalisten sei aus seiner Sicht Aufklärung und Sachlichkeit. Im Zusammenhang mit der Fussball- und Fanthematik würden die Grenzen des Journalismus aber oftmals überschritten – weil das offenbar in der Meinung der Verlage bessere Verkaufszahlen bringe. „Beim Fussball ist der Berichterstatter manchmal nicht mehr Journalist, sondern Fan – es sind viele Emotionen im Spiel, deshalb ist das Thema in den Medien auch so gewichtig“, glaubt Teuwsen. Als Fazit forderte er von den Medienschaffenden deshalb Differenziertheit und Deeskalation, anstatt die Thematik noch zusätzlich aufzubauschen.
Nebst den verschiedenen Referenten meldeten sich am Symposium auch noch Fans aus der Muttenzerkurve „zu Wort“. In einem eindrücklichen Video-Beitrag legten sie ihre Sicht der Dinge dar, etwa zum Thema Pyrotechnik. Diese sei schon immer „ein Zeichen der Freude und integraler Bestandteil der Fankultur“ gewesen. Immer wieder würden die Kurven-Fans andere Supporter darauf aufmerksam machen, dass Pyros „Ausdruck von Begeisterung und keine Waffe“ seien. Im Film hiess es weiter: „Eine Pyro-Legalisierung ist wohl nicht möglich und wird von den Fans auch nicht zwingend gewünscht.“ Wichtig aus ihrer Sicht sei hingegen eine Entkriminalisierung, Pauschalisierungen seien kontraproduktiv. Überdies sei es offensichtlich, dass es für die komplexe Fanthematik keine Patenzrezepte gebe.
Zwei schöne Lesungen von Journalist und Autor Pascal Claude aus dessen Buch „Knapp daneben“ und der Schlussauftritt des Basler Kabarettisten und bekennenden FCB-Fans Roland Suter rundeten den informativen, spannenden und gelungenen Anlass ab.
Grosses Interesse - Zuhörer aus allen möglichen Bereichen kamen in den St. Jakob-Park.
FCB-Mediensprecher Josef Zindel führte als Moderator durch den Nachmittag.
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(Fotos: Sacha Grossenbacher)