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21.06.2012 | Interview: Remo Meister
Heiko Vogel: „Ich weiss, dass wir unglaublich in der Pflicht stehen“

Seit drei Tagen befindet sich der FC Basel 1893 am Tegernsee im Trainingslager. Die Mannschaft absolviert die Vorbereitung auf die Saison 2012/2013 unter der Leitung von Heiko Vogel, der erstmals in seiner Karriere eine Spielzeit als Cheftrainer in Angriff nimmt. Im Interview mit fcb.ch erzählt Vogel was das für ihn und seine Ferien bedeutete, er spricht über seine positiven Eindrücke der ersten Tage, nennt die verschiedenen Stärken der neuen Spieler und erklärt weshalb der mannschaftliche Umbruch beim Schweizer Meister eine grosse, aber schöne Herausforderung für ihn und sein Trainerteam bedeutet.

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Auch am Donnerstag absolvierte der FCB in Rottach-Egern zwei Trainings. Am Morgen begann Heiko Vogel die Einheit mit einer Lektion an der Taktiktafel in Sachen Verteidigungsarbeit der ganzen Mannschaft – später versuchten der Trainer und die Spieler die Ideen und Erklärungen auf dem Rasen umzusetzen (siehe Bilder unten). Nach der zweiten, intensiven Übungseinheit des Tages nahm sich Heiko Vogel vor dem Nachtessen Zeit für ein ausführliches Gespräch mit fcb.ch.

Heiko Vogel, wie zufrieden ist der FCB-Cheftrainer mit den Bedingungen der ersten Tage des Trainingslagers am Tegernsee?
Heiko Vogel: Sehr, sehr zufrieden. Wir sind diesmal in einem neuen Hotel und fühlten uns auf Anhieb enorm wohl. Wir sind sehr herzlich empfangen worden, so, als wären wir hier schon seit Jahren Stammgästen. Es ist also schon mal sehr schön, wenn man sich da wohlfühlt, wo man haust. Die Jahreszeit bringt es mit sich, dass es zuletzt ein paar Mal sehr heftig geregnet hat – aber das hat uns bisher keinen grossen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben zum Glück einen Platz, der sehr viel Wasser aufnehmen kann. Es ist ein toll gepflegter Platz, der voll und ganz nach unserem Gusto gepflegt wird. Diese Perfektion bis ins kleinste Detail ist wunderbar. So können wir in aller Ruhe konzentriert und fokussiert arbeiten. Ganz toll ist übrigens auch, dass man hier merkt, welch guten Ruf der FCB mittlerweile geniesst. Wenn wir mit dem Fahrrad zum Training fahren drehen sich die Leute um und zeigen auf uns oder winken uns zu. Das ist ein tolles Gefühl für einen Club.

Und die Mannschaft, wie zieht die bisher mit?
Ich finde es erstaunlich. Ich habe das Gefühl, dass alle den Fussball sehr vermisst haben und sich freuen, dass es jetzt wieder losgeht. Die Spieler sind wirklich unglaublich engagiert – gerade auch bei nicht so beliebten Einheiten, die man in der Vorbereitung eben einfach machen muss. Die physische und mentale Belastung ist in der Vorbereitung bisweilen sehr hoch, und ich bin angetan davon, wie die Mannschaft unter diesen Umständen mitzieht. Was mir ebenfalls gefällt ist, wie die neuen Spieler integriert werden. Das ist alles schon sehr harmonisch, auch was das Zusammenspiel auf dem Platz anbelangt. Meine Eindrücke sind also bisher wirklich ausschliesslich positiv.

Du startest zum ersten Mal als Cheftrainer in die Saison. Kannst Du ein bisschen schildern, was dies für Dich bedeutet und wie es allenfalls Deine Sommerpause „beeinflusst“ hat?
Zunächst muss ich sagen: Ich konnte sehr gut abschalten in der Pause und war fast schon überrascht darüber, dass ich nicht wirklich viel Zeit dazu brauchte, das Erlebte zu verarbeiten. Ich habe im Urlaub einmal mehr realisiert, dass ich beim FC Basel ein unglaublich tolles Umfeld habe, alle haben mich fantastisch unterstützt – das war sicher auch einer der Gründe, weshalb ich in der Pause so gut abschalten konnte. Trotzdem haben sich für mich die Schwerpunkte der Vorbereitungs-Gedanken natürlich etwas verschoben im Hinblick auf die neue Saison. Ich bin jetzt auch federführend und hauptverantwortlich dafür, was die taktischen Aspekte anbelangt, deshalb macht man sich als Cheftrainer in einer Sommerpause natürlich tatsächlich besonders viele Gedanken.

Kannst Du diese ein bisschen erläutern?
Ich weiss, dass wir unglaublich in der Pflicht stehen. Die Rolle des Gejagten war im letzten Jahrzehnt wahrscheinlich noch nie so eindeutig gewesen wie in der kommenden Saison. Ich glaube der Hunger der anderen Teams, uns zu schlagen und uns die Titel streitig zu machen, ist mittlerweile enorm gross. Das ist Bürde und Verantwortung – aber gleichzeitig auch Privileg. Welcher Club kann von sich behaupten, innerhalb der Liga eine solche Stellung zu geniessen. Das bringt mit sich, dass wir eine ganz tolle Mentalität haben müssen. Eine Mischung aus gehörigem, bodenständigem Selbstbewusstsein, aber auch Demut. Man darf nie den Bezug zum Fussball, zu unserer Sportart verlieren. Aber wenn ich jetzt die Mannschaft in den ersten Trainingstagen gesehen habe, habe ich nicht das Gefühl bekommen, dass die Spieler zuerst mal wie ein Pfau das Rad schlagen. Nein, sie haben bereits wieder anvisiert, dass jetzt eine neue Saison vor der Tür steht, in der man das ganze Erarbeitete als Fundament für die kommenden Aufgaben nehmen muss.

Du hast vorher die neuen Spieler angesprochen. Was sind Deine ersten Eindrücke der Neuverpflichtungen?
Es ist ja so, dass wir in eine neue Saison gehen mit neuen Spielern, von welchen man gewisse Vorstellungen hat – deshalb haben wir ja entschieden, sie ins Kader aufzunehmen. Zum jetzigen Stand ist es sicherlich so dass die Visionen und positiven Gedanken zu den neuen Spielern, die Stärken und die Waffen die man bei ihnen gesehen hat, dass die jetzt bestätigt werden. Da ist Mohamed Salah, der unglaublich stark und mit sehr viel Speed Richtung Tor zieht und messerscharf Fussball spielt. Genauso wie David Degen, der eine positive Verspieltheit, einen grossen Offensivdrang und sehr viel Power mitbringt. Simon Grether zeigt im Mittelfeld, dass er es absolut verdient hat, hier eine Chance zu bekommen. Auch Stjepan Vuleta, der toll vor dem Tor ist. Auch über die beiden Torhüter Germano Vailati und Mirko Salvi kann ich nur Positives sagen. Beide sind bereits sehr präsent, was gerade für den jungen Salvi nicht selbstverständlich ist. Und dann freue ich mich natürlich bereits sehr auf Marcelo Diaz.

Immer wieder rücken beim FCB eigene Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft nach. Was muss ein solcher Profi heute mitbringen, um eine Chance zu haben?
Zunächst mal ist auch das alles andere als selbstverständlich. Man muss wirklich sagen, dass da beim FCB im Nachwuchs fantastische Arbeit geleistet wird, die Jungs sind konditionell und taktisch hervorragend ausgebildet. Sie sind keine Fremdkörper in der ersten Mannschaft, sie kommen sehr selbstbewusst und überhaupt nicht zögerlich zu uns. Es war schon in den letzten Saisons das Salz in der Suppe, wie etwa Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka völlig unbekümmert in die erste Mannschaft kamen und ihr ganzes Talent in die Waagschale warfen – und wir haben davon profitiert. Die Spieler müssen nebst dem Talent auch eine grundsätzliche Demut mitbringen. Sie dürfen nicht denken, dass sie schon alles erreicht haben mit der Aufnahme ins Kader. Nein, sie haben einen ganz grossen Schritt in die richtige Richtung gemacht, müssen aber noch viel arbeiten. Aber trotzdem: Selbstbewusst dürfen und müssen sie sein. Weil nur so können sie ihr Leistungsniveau abrufen.

Heute Vormittag habt ihr eine Taktik-Lektion abgehalten. Wie regelmässig willst und musst Du das Deiner Meinung nach tun?
Das Rad der Taktik soll ja nie still stehen. Ich kann mir vorstellen, dass sich unsere Gegner sehr intensiv mit uns befassen, weil es ein Genuss ist, gegen uns zu gewinnen. Deswegen müssen wir schauen, dass wir uns nicht ausruhen und nur den Status quo halten, sondern dass wir uns permanent weiterentwickeln. Dabei geht es um grundsätzliche taktische Prinzipien. Zum Beispiel im defensiven Bereich, dass man vielleicht das Thema Pressing aufgreift. Es geht auch um Details, etwa bei den Laufwegen – nicht nur dass ich von A nach B laufe, sondern eben auch wie ich diesen Weg zurücklege. Das Timing ist auch ein wichtiges Thema. Das sind alles kognitive Elemente des Fussballs: Ich muss den Ball wahrnehmen, die Gegenspieler, die Mitspieler und die Positionen. Das alles führt mental zur Ermüdung. Die Dosis der Taktik-Schulung wird deshalb von den Spielern bestimmt, das Wetter zum Beispiel spielt dabei auch immer eine Rolle. Wenn ich merke, dass die Spieler nichts mehr aufnehmen können, ist Schluss. Ich bin nicht der Oberlehrer, der ohne Rücksicht sein Programm durchzieht. Es braucht auch Fingerspitzengefühl.

Beim FCB wurde zuletzt immer wieder der Umbruch in der Mannschaft thematisiert. Was bringt dieser für Dich und Dein Trainerteam alles mit?
Es ist grundsätzlich eine sehr grosse, schöne Herausforderung. Zu sagen ist zunächst einmal, dass wir uns auch als Trainerteam generell weiterentwickeln wollen und deshalb in verschiedenen Bereichen versuchen, die Stellschrauben zu justieren. Das erfordert einen Blick, der über den Tellerrand hinaus geht. Wir überdenken unsere Trainingsübungen und versuchen immer wieder neue Aspekte reinzubringen. Weil wir glauben, dass mit der Abwechslung auch der Spass an der Sache einhergeht. Und in der Phase des Umbruchs ist es nun so, dass man viele Spieler bekommt, die sozusagen leere Blätter sind, die man füllen kann – weil sie quasi ohne „Vorbelastung“ hier herkommen. Insofern kann man vielleicht bei einem solchen Umbruch wieder mehr neue Dinge verwirklichen. Nun liegt es an uns Trainern, wie viel Leben wir dem Ganzen einhauchen können.

Zum Schluss wagen wir noch einen Blick ziemlich weit voraus: Welche Gedanken hast Du, wenn Du heute schon ein bisschen an die kommende Saison denkst?
National glaube ich wie vorher schon erwähnt, dass wir uns aufgrund der vergangenen Saisons doch eine gewisse Vormachtstellung erarbeitet haben. Das Schwierige ist jetzt, diesen Status zu halten – das heisst wieder den Meistertitel zu holen, den Cup zu gewinnen und uns für die Champions League zu qualifizieren. Wir haben aufgrund der Champions-League-Qualifikation schon mal sechs Spiele mehr als letzte Saison. Ich freue mich sehr darauf, weil sich die Mannschaft so – gerade mit unseren vielen neuen Spielern – gleich ab Saisonbeginn unter grossen Wettkampf-Bedingungen finden kann und muss. Insofern bin ich überzeugt, dass es eine sehr spannende Saison wird für uns.
 


Am Donnerstag erteilte Heiko Vogel dem Team als Erstes eine Lektion an der Taktiktafel.


Thema: Wer steht in der Defensive in welcher Situation an welchem Ort?


Hinterher versuchten Vogel und sein Team, die Theorie in die Praxis umzusetzen.


Weitere Bilder vom zweiten Trainingstag: Hier Klicken
(Fotos: Hans-Jürgen Siegert)

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